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Presseartikel

"Sie konnten erstmals den Urwald riechen"

Zwei Chemnitzer bauen in Bolivien eine Auswilderungsstation für Wildtiere auf - Dort sind jetzt die ersten Jaguare eingezogen
(Freie Presse vom 25.04.2009 von Katharina Leuoth)

Sie hatte geheult, weil sie es anders kaum ertragen konnte: Der schöne Jaguar war tot. Erschossen von Jägern, die ihm jetzt, nur wenige Schritte von ihr entfernt, das Fell über die Ohren zogen. Ein gotterbärmlicher Anblick - und die Initialzündung für Ilka Sohr und Torsten Roder. Die Chemnitzer Reiseunternehmer begannen, in Bolivien eine Auswilderungsstation aus dem schlammigen, Mücken umschwirrten Boden zu stampfen. Dort haben sie vor wenigen Tagen ihr bisher größtes Unterfangen erlebt: den Einzug der ersten beiden Jaguare.

Nach Bolivien kamen die Sporttherapeutin und der Zootechniker auf ihren Reisen um den Globus. Zwar arbeiten sie während der Sommer als Reiseleiter in Sachsen, zum Beispiel auf Kanu- und Klettertouren im Elbsandsteingebirge, reisen sonst aber durch die Welt. Entdeckten so ihre Vorliebe für Südamerika, für Bolivien und dort für den Madidi-Nationalpark, dem Dschungel an mehreren Amazonas-Zuläufen.

Aber Erlebnisse wie das Häuten des Jaguars vergällten ihnen die Reisefreude. Sie wollten sich nützlich machen: gründeten den Verein Regenzeit, sammelten Spenden für Hilfsprojekte, die sie mit Entwicklungshelfern und Naturschützern entwarfen. Finanzieren zum Beispiel die Medizintour, auf der bolivianische Ärzte Indianerdörfer besuchen. Oder eben die Auswilderungsstation. Die entsteht auf einer

400 Hektar großen Fläche im Regenwald nahe Rurrenabaque, einer Stadt am Rande des Dschungels. Dort sollen Tierkinder aufgenommen werden, deren Mütter von Jägern geschossen wurden und die, oft unter erbärmlichen Bedingungen, als Haustiere gehalten werden. Überzeugen wollen die Chemnitzer die Dorfbewohner, dass die Tiere größer und unbezähmbarer werden, sie in der Station besser aufgehoben sind. Dort sollen sie sich an den Dschungel gewöhnen und wieder in die Freiheit entlassen werden.

Die Hütten und Gehege auf dem Gelände hochzuziehen, ist nicht einfach. Bei Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad, unterbrochen von Regengüssen, verfolgt von Mückenwolken und gepiesackt von Ameisenarmeen schneiden die Chemnitzer und ihre Stationsmitarbeiter Bretter zu, rammen Zäune und Gehegesäulen in den Untergrund. Das zukünftige Besucherzentrum steht bereits; so, wie die Zäune für die ersten Gehege, in denen der Regenwald weitestgehend gelassen wird, wie er ist. Erste Tiere zogen bereits ein. Ein Faultier, dass kurz nach seiner Ankunft wieder munter in den Dschungel verschwand. Und zwei Nasenbärbabys, die aus dem Gehege heraus erste Freigänge unternehmen.

Vor einigen Wochen erfuhren die Chemnitzer, dass in der zirka 100 Kilometer entfernten Stadt San Borja ein Jaguargeschwisterpaar gehalten werde. Nachdem ein Jäger ihre Mutter geschossen hatte, habe die Frau eines Viehzüchters die Babys zuhause aufgenommen. "Aber mit sieben Monaten sind sie deutlich zu groß für diese Heimtierhaltung geworden", sagt Ilka Sohr. Ein Parkranger kam dem Ehepaar zu Hilfe und nahm ihnen die Tiere vorerst ab, ohne zu wissen, wie es mit ihnen weitergehen soll. "Einerseits waren wir total aufgeregt, vielleicht bald zwei Jaguaren in die Freiheit verhelfen zu können. Andererseits machten uns die Unwägbarkeiten Angst und Bange. Das erste Jaguargehege war noch nicht fertig, zudem ist der Auswilderungsprozess sehr komplex", erzählt Torsten Roder. Da hilft die Kooperation mit dem Zoo Halle, den sie per Emails zurate ziehen können. Und eine Naturschutzorganisation vor Ort nahm letzte Zweifel: Die schließlich fertig gebaute Jaguarunterkunft sei besser als jede Indianer-Hütte.

Mit einem Pick up, einem Jeep, einem selbst gezimmerten Transportkäfig und Mitarbeitern der lokalen Naturschutzbehörde fuhren sie Tage später nach San Borja. Als die Autos in das Rangergelände einbogen, "kam der Augenblick, den wir wohl nie vergessen werden", erzählt Torsten Roder. Shasha und Peluchina, so heißen die Jaguargeschwister, lagen angekettet vor dem Eingang einer Hütte. Aber: in guter Verfassung mit klarem Blick, glattem Fell. "So schön, so kraftvoll. Wir waren hin und weg. Für diesen Augenblick hat sich alle Mühe gelohnt", schwärmt Torsten Roder.

Stunden brauchten sie, um Shasha und Peluchina in die Transportkiste zu locken, sechs weitere, um die Buckelpiste zurück nach Rurrenabaque zu fahren, inklusive sieben Pausen an Urwaldflüssen, um den Wasservorrat der Tiere aufzufüllen. Auf dem Gelände ihrer Auswilderungsstation quälten sich die Jeeps durch hüfthohen Schlamm bis zum Gehege. "Zum ersten Mal konnten die Tiere den Urwald sehen und riechen", sagt Torsten. "Sie haben vorsichtig ihre Nasen aus der offenen Käfigtür gesteckt, kurz gezögert und sind dann ins Gehege gesprungen."

Während die beiden Chemnitzer seit dieser Woche wieder im Elbsandsteingebirge unterwegs sind, achten inzwischen ihre bolivianischen Helfer auf die Jaguare, die sich im Wildgehege auf ein Leben in Freiheit gewöhnen können.

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