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Projekte in Südamerika

Medizinische Hilfe

Rio Quiquibey: März 2011 | April 2011

v.l.n.r.: Behandlung | namenloses Kind | OP-Saal | zum ersten Mal eine Zahnbürste

3. März 2011, Bolson (Rio Quiquibey) - die Frau ist vielleicht gerademal so alt wie ich. Gestützt durch eine ihrer vielen Töchter hatte sie sich mühsam zur improvisierten Sprechstunde geschleppt. Jetzt sitzen wir uns gegenüber auf einer Matte. Sie keucht, hustet, spuckt blutigen Auswurf. Ihr Atem rasselt. Der Gestank nimmt mir die Luft zum Atmen und zieht umso mehr quälende Blutsauger an. Ja, es kostet mich Überwindung hier zu sitzen. Ich habe Angst mich anzustecken - Tuberkulose - Tröpfcheninfektion. Mit einem Wedel will ich ihr etwas Linderung verschaffen. Ein Tropfen Blut perlt aus dem Einstichloch der Injektion. Wieder ein Hustenanfall, Auswurf - Tröpfcheninfektion. Plötzlich hebt sie ihren Arm und berührt mich. Ich erstarre und will im ersten Moment zurückzucken. Dann fühl ich mich auf einmal irgendwie schäbig. Sie versucht tatsächlich einige der kleinen mistigen Stechfliegen zu erdrücken, von denen sich immer mehr auf meinen Armen niederlassen! Da sitzt du jemandem gegenüber, der so nah am Sterben ist und der versucht dich dann noch zu beschützen … Sie spricht mit mir. Ich versteh kein Wort aber ich bleibe sitzen und drücke fest auf den Wattebausch, der die Injektionswunde abdeckt. Den Gedanken an die Tröpfcheninfektion lass ich ganz schnell in der hintersten Gehirnecke verschwinden.

Die sachliche Diagnose lautet Lebensgefahr und akute Bedrohung der Umwelt ob der Ansteckungsgefahr. Die gesamte Großfamilie schläft unter einem Moskitonetz! Die Frau quält sich seit Wochen - einzige Chance: Hospital. Wir diskutieren kurz unsere Möglichkeiten. Wenn wir die Behandlung des letzten Dorfes auf Notfälle beschränken um es bei der nächten Tour Ende März dann richtig zu besuchen, könnten wir es bis morgen Abend nach Rurrenabaque schaffen. Bueno! Das war dann wohl der einfache Teil der Sache. Aber sie müsste für viele Tage im Hospital bleiben. Nico, unser Dolmetscher, fragt nach dem Ehemann und erklärt ihm und dem Rest der Anwesenden die Situation und die Chance. Unsicheres Grinsen, verhaltenes Kopfwackeln, Diskussion. Später wird er uns die erste Reaktion übersetzen: "…sie ist doch schon alt…". Letztendlich erklären sie sich doch bereit, die Reise anzutreten. Wir werden den Rest des Tages flussabwärts in San Luis Grande behandeln und dort übernachten. Am nächsten Morgen wird sie mit einem kleinen Boot abgeholt und uns übergeben werden. Wir glauben nicht so recht daran, bis sie tatsächlich vor uns sitzt - samt ihrer halben Familie. Dabei hatten wir ausdrücklich betont, dass unser Verein den Aufenthalt im Hospital bezahlt, aber eben nur für sie und eine Begleitperson. Die Kinder sollten im Dorf bei der Großmutter bleiben. Zum einen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, zum anderen spricht die gesamte Familie kein Wort Spanisch und keiner von ihnen war jemals außerhalb des Dorfes - ein Kulturschock, und sie besitzen nicht einen Boliviano. Wo sollen die drei Kinder wohnen? Wer kümmert sich um sie? Wir schieben alle Bedenken bei Seite, zum Glück findet sich in Bolivien wirklich immer eine Lösung. Die Fahrt wird heftig - an den Gestank gewöhnt man sich, aber die Hustenanfälle und Spuckgeräusche lassen uns hin und wieder zusammenzucken. Ihr Zustand verschlechtert sich. Zum Glück zählen die letzten Komunidades jeweils nicht mehr als 4 oder 5 Familien. Auf den letzten Kilometern erwischt uns heftiger Platzregen. Rundum Sonne, nur über uns geht die Welt unter und nimmt dem Motorista die Sicht. Der Fluss ist voller Treibholz. Endlich Rurre - Antonie holt als erstes den Jeep der "Fundacion Salud del Rio Beni" für den Transport ins Krankenhaus. Derweil suchen wir aus unseren Packsäcken ein paar ordentliche Klamotten für die Fünf zusammen. Sie wirken verschüchtert. Was muss in ihnen vorgehen? Zum ersten Mal sehen sie Autos, Motorräder, Häuser aus Stein, alles ist neu… Torsten und Nico kümmern sich rührend, beruhigend reden sie auf sie ein, weichen die nächsten Stunden keinen Schritt von ihrer Seite, bevor nicht alles geklaert ist. Im Hospital wird die Mutter sofort isoliert. Auf keinen Fall darf die Familie mit ihr im selben Zimmer wohnen. Darauf waren Vater und Kinder natürlich nicht vorbereitet. Es geht alles so schnell. Antonio kauft erstmal die benötigten Medikamente und Infusionen für die Erstversorgung. Nico ist selbst Tsimane und bringt die Familie im Haus des Pilon Lajas Schutzgebietes unter. Dort hat auch die Interessenvertretung der Tsimane und Motsetene ihren Sitz. Die Kosten für die Verpflegung und die medizinische Versorgung wird das"Projekt Regenzeit e.V." übernehmen, dafür haben wir den Notfallfond schließlich eingerichtet.

Selbst jetzt, beim Schreiben steigt mir dieser Geruch wieder in der Nase. Wir hoffen nur, dass es nicht zu spät war.

Auf alle Fälle war es eine sehr notwendige und erfolgreiche Tour. Neben Torsten, Martin und mir vom Projekt Regenzeit e.V. gehörten Doktor Alan (Allgemeinarzt), Antonio (medikamentenverantwortlicher und Motorista), Nico (Dolmetscher CRTM), Daniela (medizinische Voluntärin bei den Beni-Ärzten) und Fatima (alle von der "Fundacion Salud del Rio Beni") zum Team. Wir haben in den vier Tagen über 200 Patienten behandelt, trotz des sehr niedrigen Wasserstandes (Verlängerung der Fahrzeit um 3 Stunden) und Zwangspausen wegen einer ernsten Bootshavarie. Ein Armbruch, viele Fälle von Lungenentzündung, Parasiten, Grippe, Leishmaniase, wuchernde Hautinfektionen, Abszesse, Mangelernährung … eine Statistik gibt's nach der Auswertung auf unserer Webseite. Natürlich hatten wir auch wieder Zahnbürsten und Schulsachen im Gepäck. Da, wo es eine Schule gibt, wurden fleißig die Zähne geputzt. Wir haben gemerkt, was z.B. ein neuer enthusiastischer Lehrer alles verändern kann im Dorf. Unbedingt wollen wir die Schulprojekte ausbauen! Hat jemand eine Idee, wo man einfache spanische Vorlese-/Bilderbücher bekommen kann, die nicht völlig fremdartig für die Kinder am Fluss sind ? Und spätestens beim abendlichen Fußballspiel sind alle Kinder in jedem Erdenwinkel gleich.

In San Luis Grande haben wir am Abend lange mit den Dörflern zusammen gesessen. Vielleicht wird ja in diesem Jahr endlich der Traum vom ersten Gesundheitsposten am Rio Quiquibey war. Doktor Alan war einfach nur genial - immer wieder hat er eindringlich erklärt, dass alles von ihnen, den Leuten in der Kommunidad abhängt: Wenn sie es schaffen ein Dorfmitglied zum kostenlosen Sanitäterlehrgang seiner Fundacion zu schicken, kann noch vor der Trockenzeit begonnen werden mit dem Posten. Dann haben die Frauen in der abendlichen Runde zum ersten Mal Fragen zu Gesundheitsthemen gestellt. Wieso entsteht diese oder jene Krankheit? Was mache ich wenn…? Irgendwann ging es weiter mit Geburtshilfe. Was ist, wenn die Plazenta nicht aus dem Mutterleib kommt. Leider konnte ich mir nicht alles merken - lag wohl auch am Sprachkauderwelsch. Ende März werden wir zu einer zweiten Tour aufbrechen, um die restlichen Dörfer an Quiquibey und oberem Beni zu besuchen. Ab morgen wird geplant.

Wie immer ein herzliches Danke an alle die uns Unterstützen! Wir bitten Euch, es weiter zu tun! 10 Euro können hier in Bolivien Leben retten.