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Projekte in Südamerika

Medizinische Hilfe

Rio Tuichi

v.l.n.r.: Rose Manuel, Andy und Ilka, geschafft nach anstrengendem Marsch nach San Rose | Zahnbehandlung | Der neue Zahn wächst oben aus dem Kiefer | Krankenschwester Ilka

März 2008
Der Mond steht bereits hoch am Himmel und leuchtet die Gras bewachsenen "Straßen" San Joses aus. Fast das ganze Dorf ist in der Kirche versammelt. Morgen ist Karfreitag, heute beginnen die Osterfeierlichkeiten in einer mit Palmwedeln und üppigen Blumengebinden geschmückten Urwaldkirche. Das Kerzenlicht und der Vollmond verleihen dem Ganzen etwas Mystisches. Wir sitzen müde aber zufrieden inmitten der Idylle. Bis nach 20:00 Uhr wurde behandelt und erst eine Stunde später war auch der letzte Bericht geschrieben, per Hand und Blaupapier bei Kerzenschein - versteht sich.

San Jose de Uchupiamonas liegt etwa neun Stunden Bootsfahrt den Rio Tuichi hinauf, mitten im Madidi Nationalpark. Missionare haben die kleine Mission vor hunderten Jahren gemeinsam mit den Tacana - Indianern gegründet. Es ist einer der idyllischsten Flecken im Nationalpark. Drei bis vier Stunden flussabwärts betreibt die Gemeinde im Rotationsbetrieb die teuerste und bekannteste Ökolodge des Tieflandes: "Chalalan" - ein Vorzeigeprojekt. So weit die Theorie, denn laut Aussagen der Dörfler profitieren nur wenige vom erwirtschafteten Geld und gerade zur Regenzeit kann deshalb die medizinische Versorgung kaum gewährleistet werden. So hat es dieses Jahr sogar Todesfälle gegeben, als sich Durchfall und Erbrechen fast "Epedemi-ähnlich" ausbreiteten. Wir vermuten eine Kontaminierung im Trinkwassertank als Ursache. Man hat "Amepbo" und "Projekt Regenzeit e.V." um Hilfe gebeten für das "vergessene Urwalddorf". Da das Dorf zumindest über eine Einnahmequelle verfügt, soll es als Gegenleistung für die kostenlose Behandlung durch die Fundationsärzte und die Finanzierung der Medikamente und Übernahme sämtlicher Reisekosten(auch für die staatliche Krankenschwester und einen Praktikanten) das Boot samt Motor und Motorista stellen. Tatsächlich gibt es erstmal Vorbehalte, denn wenn wir eines der drei Boote blockieren, können ja keine Touristendollar damit verdient werden. Dann kommt man auf die Idee, Touristen mit in unser Boot zu setzen. Man unterschätzt den materiellen Aufwand vollkommen. Aber irgendwann dringen Doktor Andys Argumente dann doch bis ins Gehirn vor und wir bekommen alles schriftlich bestätigt, samt Reisedaten. Noch einen Tag vor der Abreise stellen wir trotzdem immer wieder erstaunt fest, dass der gerade anwesende Verantwortliche noch nichts von der Vereinbarung weiß. Auch den einen oder anderen Touristen will man uns immer wieder unterjubeln… Hut ab vor der stoischen Ruhe Andys! Aber am Abreisetag warten Boot und Personal überpünktlich am Hafen in Rurre. Wir rollen, den Rucksack auf dem Rücken, unser 300 Liter Benzinfass vom "Santa Ana Hostal" zum Hafen. In San Buena, am gegenüberliegenden Ufer, wird der Rest verladen. Wer fehlt ist das Krankenhauspersonal. Da San Jose de U. über 700 Einwohner hat, soll uns ein Krankenpfleger mit Impfstoffen und SUMI-Medikamenten (frei für Kinder bis 5 Jahren, Schwangere und Mütter bis sechs Monate nach der Schwangerschaft) des Hospitals San Buena begleiten, außerdem ein Zahnarzt in Ausbildung als Unterstützung für Jose Manuel. Endlich kommt die Ambulanz mit den Thermobehältern und den Fehlenden. Das Boot ist bis auf den letzten Platz besetzt: sechs Leute von "Amepbo" und "Projekt Regenzeit e.V.", der Bürgermeister, der Sanitäter des Gesundheitspostens von San Jose de U. (den gibt es nämlich schon), sein alter kranker Vater sowie Personal für "Chalalan". Mit den üblichen zwei Stunden Verspätung verlassen wir San Buena. Vor uns liegen acht Stunden Fahrt durch einen der artenreichsten Nationalparks Amazoniens. Auch wenn es der Weg zur Arbeit ist…

Der undurchdringliche Urwald scheint sich förmlich ans Ufer zu drängen. Gigantische Steilufer aus roter Erde wechseln sich ab mit weiten Sandbänken. Im Fluss stapeln sich immer wieder mitgerissenen Baumriesen und bleichen in der Sonne. In riesigen Schleifen mäandert der Tuichi durch unbewohnten Regenwald und wird immer wilder. Stromschnellen, tückische Untiefen und Schwalle erfordern die ganze Aufmerksamkeit des Punteros und des Motoristas.

Noch vor der Einfahrt in den Tuichi, am Beni, kauert ein trauriges Fellbündel auf einem kümmerlichen Ast über dem Wasser. Das junge Faultier muss am Morgen den Beni gequert haben. Zitternd vor Anstrengung und Kälte klammert es sich an den rettenden Ast, den Kopf unter die langen, dünnen Arme versteckt. Wir müssen weiter. Kaimane, Alligatoren, Affen - wir müssen weiter. Die Sandbänke sind übersät mit Spuren. Kurz vor dem Ziel will eine Horde Dschungelschweine( bestimmt über 70 Tiere) gerade den Fluss queren. Leider rast unser Motorista weiter und der Chefkeiler lotst sein Gefolge blitzschnell zurück ins dichte Unterholz.

Beim herrlichsten Abendlicht erreichen wir den Anlegeplatz. Uns erwarten 30 bis 40 Minuten Fußmarsch bergan bis zum Dorf, mit all dem Gerödel. Denn leider fehlt von den, vom Bürgermeister versprochenen, Helfern jede Spur. Aber der mit uns zurückgekehrte Sanitäter San Joses bemüht sich sofort um uns, verspricht uns, den Abtransport des schweren Gepäcks zu organisieren. Im Haus seiner Eltern versorgt er uns erstmal mit kühler Limonade. Wir sollen uns bedienen von den Apfelsinenbäumen - ausruhen. Er kümmert sich derweil um einen Schlafplatz und eine Familie, die uns bekocht. Wir freuen uns ehrlich. Der Bürgermeister ist längst auf Nimmerwiedersehen verschwunden. San Jose ist ein kleines Paradies: in der dorfeigenen Lagune planschen in den Abendstunden die Kinder, in den Schlammlöchern der Regenzeit grunzen die Schweine vor Vergnügen, Gärten umgeben die Häuser, saubere, Gras bewachsene Strassen führen zur Plaza aus Gras. Krasser könnte der Gegensatz zu den Hütten am Quiquibey nicht sein. Wir sind gespannt, was uns morgen erwartet. Steht es wirklich so schlimm um die Gesundheit der Dörfler? Am Abend findet eine Fiesta im Gemeindehaus statt - Vatertag. Wir genießen die Ruhe unseres exorbitanten Schlafplatzes weit ab von der lauten Musik, mit Dschungelblick. 6:30 Uhr schälen wir uns aus den Moskitonetzen. Der Morgennebel liegt noch dick über dem Fluss. Nach dem Frühstück bereiten wir im Sanitätsposten alle Materialien vor. Es ist irgendwie ungewohnt, auf einmal in einem richtigen Haus zu behandeln, sogar in getrennten Räumen. Man darf sich jetzt aber um Gottes Willen dabei keine deutsche Poliklinik oder auch nur etwas Ähnliches vorstellen! Erstmal wird geputzt und geräumt, das Chaos und der Dreck sind unvorstellbar.

Gegen 11:00 Uhr knattert ein Motorrad vor der Tür. Tim hat sich extra per Moto auf den Weg gemacht, um sich selbst ein Bild vom Zustand des Gesundheitspostens zu machen. Gleichzeitig hat er noch die Einladungen für die nächste Aufklärungskampagne in den entsprechenden Dörfern unterwegs verteilt. Vier Stunden Schlammpiste liegen hinter ihm. Schlammverkrustet inspiziert er jeden Winkel des Postens. Nach kurzem Aufenthalt geht es am frühen Nachmittag zurück. Denn dicke Regenwolken ziehen auf, für Fahrzeuge ist die Strasse schon seit Monaten unpassierbar. Will heißen, wenn er unterwegs stecken bleibt, braucht er gar nicht erst auf Hilfe zu hoffen.

Im Laufe des Tages werden wir die Moskitonetzfenster aufreißen, weil die Hitze unerträglich ist. Nach Sonnenuntergang werden wir im Schein der Taschenlampe weiter impfen. In den Zimmerchen, wo Andy und Jose Manuel behandeln gibt es zwar Licht (Solarpaneele), aber ohne OP-Leuchte Torsten kann der Zahnarzt schon tagsüber kaum etwas erkennen. Am Vormittag tröpfeln die Patienten zunächst verhalten in die Sprechzimmer. Andy hat natürlich wieder am meisten zu tun. Zuerst erfasst, wiegt und vermisst Sanitäter Sandro alle. Vom Krankenpfleger werden offene Impfungen verabreicht, dann ist Andy dran und falls anschließend noch der Zahnarztbesuch nötig ist, kommen sie zu Jose Manuel, dem Zahnarztanwärter und uns. So wird verhindert, dass Medikamente doppelt ausgegeben oder Nebensächlichkeiten statt dringender Erkrankungen behandelt werden. Ein perfektes Team, zumindest was Amepbo und Regenzeit anbelangt. Inzwischen kann ich immer besser die Hilfsschwester mimen, kenne fast alle Instrumentennamen (allerdings nur auf Spanisch), durchschaue, welche Instrumente in welchem Fall in welcher Reinfolge benötigt werden. Und wir haben Spaß an der Arbeit, da ist kein stoischer Dienst nach Vorschrift, keine demonstrative Überlegenheit der Götter in Weiß. Mit dem herrischen Blick der bösen Oberschwester "schimpfe" ich mit den Zahnärzten, wenn sie in unserem 3 x 3 Meter Behandlungsraum die falschen Instrumente benutzen. Der Zahnarzthelfer hat leider die Hälfte seiner Instrumente vergessen. Also arbeiten jetzt beide mit Jose Manuels Instrumentensatz. Die Patienten sitzen nebeneinander auf zwei wackeligen Holzstühlen.

v.l.n.r.: dampfende Urwälder am Rio Tuichi | Das Team v.l.n.r. Torsten, Krankenpfleger, Andy, Krankenpfleger, Ilka, Rose Manuel, dorfeigene Sanitäter | unser Maskottchen

Ab 14:30 Uhr müssen wir sogar parallel arbeiten, weil immer mehr Menschen kommen. Natürlich kommen die nicht etwa einzeln ins "Sprechzimmer". Nein, wenn ich fünf Kinder habe, muss man natürlich mit allen gleichzeitig reinstürmen. Der Zahnarztanwärter reinigt vor allem die Zähne der Kinder. Also bekommt der fünfjährige seine Fluorkur, der Vierjährige versucht hinter unserem Rücken aus unserer Wattereserve Bälle zu basteln, derweil redet Jose Manuel seit gefühlten Ewigkeiten auf die Siebenjährige Jennifer ein. Sie hat mehr Angst vor der Betäubungsspritze, als vor der Wurzelentfernung. Dazwischen steht die Mutter mit dem greinenden Säugling auf dem Arm und ihrem Zweijährigen an der Hand. Der Schweiß rinnt in Strömen. Inzwischen reden Jose Manuel und alle anderen auf die Siebenjährige ein, endlich still zu halten. Die Mutter bittet und geifert abwechselnd. Die Kleine wird regelrecht hysterisch. Ich hab der Mutter den Säugling abgenommen. Während er an meinem Oberarm nuckelt, werden mit einer Hand Instrumente gespült. Torsten hält das Op-Licht und die beiden kleinen Jungs in Schach. Den quengelnden Zweijährigen hat sich eine Frau geschnappt und vor die Tür geschleppt. Die Mutter umklammert inzwischen ihre Älteste. Die brüllt wie am Spieß! Jose Manuel zieht alle Register ,45 Minuten Kampf - umsonst. Das alles auf 3 x 3 Metern, bei 35 Grad! Eine weitere wertvolle Anästhesie-Spritze nutzlos vergeudet. Denn es ist nicht der erste Fall dieser Sorte. Einem Achtjährigen, dessen gesamtes Gebiss bereits ein Trauerfall ist, wächst ein Vorderzahn nach oben aus dem Zahnfleisch. Der muss dringend raus! Aber keine Chance, dreimal nehmen wir über den Tag verteilt Anlauf. Jedes mal können wir die Spritze wegschmeißen. Von den Eltern kommen so pädagogisch wertvolle Hilfsangebote wie eine Tracht Prügel davor oder eine Tüte Süßigkeiten danach. Wenn wir da an die Abszesse oben am Quiquibey denken und an die fast schon erschreckende Leidensfähigkeit der Patienten … Aber auch in San Jose überwiegen die positiven Momente. Menschen, die sich extra bedanken für die kostenlose Hilfe, die die verschenkten Zahnbürsten auch wirklich nutzen werden und somit die Hilfe nachhaltig machen. Am Abend eines langen Tages haben alle einen vollständigen Impfschutz, Andy hat über 70 Patienten versorgt. Keiner wurde abgewiesen, auch wenn wir so spezielle Wünsche wie Viagra und Eisenpräparate für schöneres Haar nicht erfüllen konnten (und wollten). Müde schreiben wir den Bericht fürs Krankenhaus. Jose Manuel diktiert die Namen der 39 behandelten Zahnarztpatienten. Plötzlich fasst er mich am Arm und neben dem Blatt Papier rennt eine ordentlich fette Jagdspinne vorbei. Mir stellen sich die Haare auf. So ganz einfach ist es danach nicht mehr mit der Konzentration.

Jetzt sitzen wir um den Tisch, lauschen zufrieden den Klängen der Trommeln und Flöten und dem Gesang aus der kleinen Kirche von San Jose de Uchupiamonas. Der morgige Karfreitag ist einer der wichtigsten katholischen Feiertage in Bolivien. Wir werden morgen früh zurück fahren - "heim" nach San Buena und Rurrenabaque. Während die Dörfler am Abend in 12 Stationen des Kreuzweges Jesus gedenken werden, werden wir nach der langen Bootsfahrt bereits mit der Auswertung beginnen, Instrumente reinigen, Medikamente sortieren und diskutieren wie und ob San Jose de Uchupiamonas weiter geholfen werden kann.

Die medizinische Behandlung in Zahlen:

Allgemeinärztliche Behandlungen komplett 71
· davon 29 Kinder (9 Jungen und 20 Mädchen)

Pilzbefall 5
Grippe 14
Magen-Darm-Parasiten 16
Halsentzündung 4
Rücken-/Knochenschmerzen 18
Schwangerschaften 4
Gastritis 2
Hautinfektionen 6
Menstruationsbeschwerden 1
Kolik 1

Impfungen:
Polio 6
Gelbfieber 14
Tetanus 25
Kombiimpfung 6

Zahnmedizinische Behandlungen:
39 Behandlungen