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Medizinische Hilfe Rio Quiquibey mit dem MDR BIWAK Team 2020

Die Regenzeit hat uns wieder

… was aber nicht schlecht ist, denn zumindest schieben müssen wir diesmal nicht! Bei besten Strömungsbedingungen erwischt uns gerademal ein saftiger Gewitterguß. Diesmal ist unser Team wieder komplett: Melwin steuert das Boot, am Bug hat Puntero Juan nur ab und zu Stress. Neben Joselo sitzt die frisch examinierte Ärztin Majuki. Sie war schon letztes Jahr mit auf Versorgungstour und hat das Herz am rechten Fleck. Geboren in Rurrenabaque kennt sie Situation und Menschen bestens. Auch Impfer Carlos ist mit an Bord, er war ja in die Notfallambulanz versetzt worden…. Diesmal gab es plötzlich eine Lösung: Wenn er einen Ersatzmann/-frau findet und dessen Gehalt für die Fehltage übernimmt, darf er mitfahren – sagt die Oberkrankenschwester. Etwas merkwürdig – aber für einen Impfer, zumal für einen wie Carlos, machen wir fast alles. Einzig Zahnärztin Sonja hat uns am Vorabend kurz in Schrecken versetzt. Ihr dreijähriger Sohn ist krank – mal de ojo (Bindehautentzündung). Aber sie wollte nur fragen, ob er mitfahren darf! Die Variante wegen des Kindes zu Hause zu bleiben, stellte sich ihr gar nicht! Da Stiv schon als Säugling mit auf Tour war – kein Problem. Einen Ersatz hätten wir über Nacht nicht gefunden.

8.00 Uhr im Hafen ist die Stimmung regelrecht euphorisch und bissel aufgeregt sind wir auch …. Das Team von MDR-Biwak begleitet uns mit Kameras samt Tonpuschel, div. GoPros und Drohne. Natürlich hoffen wir, dass alles gut geht und richtig gute Aufnahmen entstehen, die unseren Projekten helfen. Der Fluss spielt schonmal mit und für alles andere haben wir ja ein komplettes Ärzteteam dabei ;o)))) Was draus geworden ist könnt Ihr Euch im August eine Woche lang bei BIWAK ansehen....

Aber zunächst müssen wir erstmal ankommen. 16.00Uhr tuckern wir in die Mündung des Rio San Luis Grande – vor zwei Wochen hatten wir um diese Zeit noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft – krass!!! Wir werden schon erwartet. Dutzende nackte Kinder- und Frauenfüße patschen durch den rotbraunen Schlamm und jeder trägt was er kann. Durch den Regen hat sich nicht nur die steile Böschung in Schmierseife verwandelt. Lachend werden vor allem die unbekannten Gringos mit ihren riesigen Gummistiefeln (Gr.44) beobachtet, die nun mit merkwürdigen Dingen – z.B. einem Meerschein am Stiel – durch den Modder eiern. Trotz der Hilfe müssen wir mehrfach laufen bis alles zur Schulhütte geschleppt ist. Die Männer kommen erst am Abend von den Feldern und vom Fischen zurück. Für heute ist es eh zu spät zum Behandeln. Leider ist Dorfchef Don Trini immer noch in Rurre. Seit Anfang Januar wartet seine Frau dort im Krankenhaus auf eine Behandlung und gegebenenfalls Operation. Leider hat sie kein gültiges Ausweisdokument und dessen Neuausstellung dauert. Hoffentlich nicht zu lange für sie! Ohne gültiges Dokument hat sie kein Recht auf Behandlung – es sei denn sie kann bezahlen….

Am nächsten Morgen scheppert 8.00 Uhr die „Schulglocke“ – mit einem Armierungseisen bearbeite ich eine alte Blattfeder. Nach und nach kommen die Familien „geschniegelt und gebügelt“ zur Sprechstunde. Joselo sucht die Patientenblätter raus, misst unterstützt durch Torsten den Blutdruck der Erwachsenen und kontrolliert das Gewicht. Vor allem bei Kindern ist das für die Medikamentendosierung wichtig. Aber vor allem bei Kindern kann das Wiegen zum Akt werden. Während die einen „todesmutig“ auf die Waage steigen, wird es bei anderen zum Drama.

Sonia nutzt die geballte Anwesenheit aller gleich erstmal für die Zahnputzkampagne, eh sich alle nach der Visite zerstreuen. Leider ist der Lehrer – wie immer – noch nicht da. Aber wir sind viele fleißige Helfer und legen mit Hand an. Obwohl viele Gebisse ganz gut ausschauen und auch Zähne geputzt werden hier, sind die Münder nach unseren Färbe-Tabletten erstmal blitzeblau einfärbt bei Jung und Alt. Das sorgt nicht nur für Erheiterung nach einem Blick in unseren Spiegel, sondern auch für effektives Putzen im Anschluss. Wer putzt schon gerne Zähne, mal ehrlich?! Wir haben auch gespendete Zahnbürsten aus Deutschland mit, darunter auch Zahnbürsten gekauft von 2 kleinen Leipzigerinnen. Die Eltern von Frieda und Greta hatten ihren Mädels nach einem sehr intensiven Legowochendende eine Belohnung fürs korrekte Aufräumen versprochen, dabei aber nicht mit Friedas penibler Buchhaltung gerechnet. Jedenfalls kam am Ende ein kleines Paket mit lieben Grüßen, einem Foto und Zahnbürsten im Vereins Büro an. Die Fotos haben wir natürlich hier dabei. Neben Zahnputzschule gibt’s Zahnbürsten und Zahnpasta für jeden und Sonia kontrolliert alle Schulkinder.

Danach stellen sich alle familienweise bei Ärztin Majuki vor. Vorher gibt’s von mir und „Dr. Raton“ noch die Entwurmungstabletten. Wieder sitzen komplette Fußballmannschaften auf der Patientenbank. Immer mehr Mütter gehen mittlerweile zur Geburt ins Hospital. Das reduziert die Gefahr für Mutter und Kind, sichert das erste Impfen und man bekommt auch noch einen Bonus vom Staat, wenn man Vorsorgeuntersuchungen/ Nachsorge- und Geburt im Hospital durchzieht.

Gemeinsam mit Torsten manage ich die Apotheke, wir bereiten Injektionen vor, versuchen verzweifelt Ordnung ins Chaos der Medikamenten Kisten zu bekommen, helfen beim Papierkram und Dosierung erklären. Zum Glück ist San Luis Grande sehr gut organisiert und viele sprechen Spanisch. Als Frau hat es Majuki zudem leichter, wenn’s um die Mütter oder junge Mädchen geht. Nach der Allgemeinsprechstunde dirigiert Carlos alle Mütter mit Kindern unter 5 Jahren in sein Impfparadies. Das geht manchmal tatsächlich auch ohne Tränen und Geschrei. In Sonias Zahnsprechstunde schaffen das nur die Erwachsenen.

Alles, was ich hier beschreibe, findet übrigens in einem Raum statt – ohne Türen, verschließbare Fenster, Moskitonetze oder Sichtschutz. Ok, einen Teil tragen auch die Luftballons zum chaotischen Lärm bei. Aber eine kleine Belohnung haben sich die tapferen Zwerge einfach verdient.

14.30 Uhr brauchen wir erstmal eine Verschnaufpause und was zu Essen. Hände und Gesicht haben so einiges an Stichen abgekriegt, trotz Chemie. Zum Glück hatte Melvin noch Eiswürfel, so gabs eiskalte Limettenlimonade zwischendurch.

Am Nachmittag steht der Weiler Aquas Claras auf dem Plan, ein paar Kurven flussabwärts. Alle genießen den Fahrtwind im Boot. Ein kurzes Vergnügen. In A.C. erwartet uns brütende Hitze. Eine Schule gibt es nicht, also auch keine Möbel. Drei/vier Bänke und Palmenmatten müssen reichen. Jeder versucht seinen Arbeitsplatz in einem schattigen Plätzchen unter Kakao, Zitrus oder Palmen einzurichten. Insektentötolin auf alle freien Körperstellen, Schweißtuch um den Hals – es kann los gehen. Es ist gerade nur eine komplette Familie da, dazu Oma und Opa und ein Vater mit Sohn. Klingt wenig, aber das zieht sich. Der Unterschied zu den Bedingungen in S.L.G. könnte krasser nicht sein. Den Kopf an einen Baumstamm gelehnt, den Mund weit geöffnet, erträgt Marciella seit einer halben Stunde Sonias Versuche, einen besonders hartnäckigen Zahn im Ganzen zu ziehen. Zum Glück wirkt die Narkose gut. Sonia schwitzt inmitten von Insektenwolken. Endlich ist der Zahn raus – im Ganzen und die Vierzehnjährige ist erleichtert. Wir geben noch Schmerzmittel und mahnen, dass sie in den nächsten Tagen unbedingt Wasser abkochen sollte. Es gibt kein klares Wasser gerade. Aber sie wird sich nicht schonen können. Es ist Erntezeit.

Knülle steigen wir nach 2 Stunden(!) wieder ins Boot und freuen uns auf die abendliche Abkühlung, die fast Insektenfreien Stunden in der Dunkelheit und einen gemütlichen Abend in San Luis Grande mit dem Team.

Nach dem Frühstück ist Packen und Schlepperei angesagt. Da Montezuma und ein wirklich böser Rücken Teile des Kamerateams ereilt haben, fährt ein Boot direkt nach Rurre zurück. Wir anderen wollen unbedingt noch in den 4 Dörfern halten, wo wir bei der ersten Fahrt nicht Impfen konnten. …. und das war bitter nötig. Carlos hat alle Hände voll zu tun. Majuki lenkt Mütter und Geschwister ab. Ich helfe ihm beim Schreibkram und darf auch wieder das ein oder andere nagelneue Carnet ausstellen. Quasi das erste offizielle Dokument für das neue Menschlein – quasi die Grundlage für eine Geburtsurkunde für den neuen Erdenbürger. Wahnsinn! 

Die Comunidad Gredal mussten wir auf der ersten Tour ganz auslassen, also behandeln wir hier noch komplett. Damit haben wir alles geschafft, was wir wollten und schaffen konnten. Alle Dörfer am Quiquibey sind geimpft und behandelt! Sonias Sohnemann war unser Maskottchen und ist wieder fast gesund. Zufrieden döst das Team auf der Rückfahrt nach Rurre vor sich hin. Beim Einbiegen in den Rio Beni halten wir jedoch die Luft an. Oh ha, der ist aber hoch! In den Canyons gurgeln die Strudel und es treibt ganz schön viel Holz im Fluss! Zudem ist es schon nach 18.00Uhr! Melvin hat als Kapitän das letzte Wort. Er gibt Gas. Im Hafen von Rurre werden wir schon seit Stunden erwartet und nun mit Erleichterung empfangen. Danke an alle in Bolivien und Dank an alle in Deutschland. Alleine könnten wir das nie schaffen!

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