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Medizinische Hilfe Rio Quiquibey 2017

Eine letzte Flussbiegung und wir erkennen die meterhohen Wellen am Canyon-Eingang. Sonia mit ihrem drei Monate alten Baby im Arm wird ganz blass. Wir reißen erschrocken die Augen auf. Schon vor einer halben Stunde hatten wir sicherheitshalber die Gummistiefel abgestreift. Damit sie im Falle einer Kenterung nicht zur tödlichen Falle werden. Aber das hier kann nicht gut gehen!! „Kehr um!“ brülle ich Melvin zu. Das hat er natürlich auch längst erkannt. Seit wir in den Beni einbogen sind, ist der Fluss immer weiter gestiegen, Baumstämme treiben zu Hauf in den tosenden, schlammigen Fluten. Mit dem vollbeladenen Boot in der Strömung zu drehen wird allein schon zum Balanceakt. Denn hier kurz vor dem Suse-Canyon verengt sich das Flussbett stark bis es schließlich auf dreißig Meter zwischen Felsen zusammengepresst wird. Auf dieses tosende Inferno haben wir gerade einen Blick geworfen. Melvin hat das Boot gewendet aber der Motor greift einfach nicht. Alle halten die Luft an. Torte gibt Melvin hektische Handzeichen – er soll aufdrehen. Aber noch immer treiben wir flussabwärts statt flussaufwärts zu fahren. Endlich schiebt uns der Motor langsam vorwärts. Nah am Flussufer kämpft er gegen die zunehmende Gegenströmung. Immer wieder müssen wir Treibholz ausweichen. Wenn jetzt ein blöder Stock die Schiffsschraube blockiert und der Motor ausgeht, sind wir geliefert. Nach 20 bangen Minuten erreichen wir endlich die letzte Hütte und – viel wichtiger – eine Stelle, wo wir überhaupt anlegen können. Man hört 11 große Steine zu Boden plumpsen. 11 Herzen rutschen aus der Hose wieder an ihren Platz. Auf dem Wasser trennen uns gerademal 20 Minuten von Rurre. Durch den Wald werden wir mehr als 2 Stunden brauchen und es ist bereits 17.00 Uhr abends. Um Sieben wird es stockdunkel sein! Aber schon der Anfahrtstag der Medizintourt endete mit einem Paukenschlag - ohne Verletzte - Dank einer extra dicken Glücksfee….

Es regnet aus Eimern, als wir Montagmorgen das Boot beladen. Noch vor dem Start müssen wir Wasser schöpfen. 11 Leute plus Gepäck und Ausrüstung müssen einigermaßen regensicher verstaut werden, zumindest war das die Idee. Da der Rio Beni leichtes Hochwasser hat muss sich unser neuer EIGENER Motor ordentlich gegen die Strömung stemmen. Melvin steuert und Juan Pablo sitzt auf der Bugspitze um Melvin rechtzeitig vor Treibholz zu warnen. Nach etwa einer halben Stunde legt Melvin plötzlich an und beginnt am neuen Motor zu schrauben. Wir rollen mit den Augen. Die Automatik spinnt. Eine Stunde nach Start legen wir wieder in Rurre an. Aber zum Glück ist das Ersatzsteil schnell geholt und montiert. Nächster Versuch! Immerhin hat der Regen etwas abgenommen. Als wir in den Quiquibey einbiegen, empfängt dieser uns zwar mit Sonne aber auch mit großen Wellen. Es muss in den Bergen weiter stark regnen. Es existieren so gut wie keine Sandbänke. Alles ist überspült. Immer mehr Holz schwimmt im Wasser. Ohne guten Motorista, der den Fluss „lesen“ kann und gut kennt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. Denn trotz des Hochwassers lauern fiese Untiefen und Hindernisse knapp unter der Wasseroberfläche in den weiten Flussschleifen. Hoffentlich reicht bei dem Mehrverbrauch unser Benzin! Unterwegs sagen wir – wenn möglich – in den Dörfern Bescheid, wann wir auf dem Rückweg ungefähr zur Sprechstunde zu erwarten sind. Endlich kommt das Hochufer mit den drei Hütten von San Bernardo in Sicht. Gleich oberhalb vom Dorf mündet ein kleines Flüsschen in den Quiquibey.

Wir wollen ein kleines Stück hineinfahren, für uns die einzige Möglichkeit sicher anzulegen. Melvin hält auf die Uferkannte zu und gerade, als wir auf den letzten Metern sind, bricht neben uns das Steilufer in sich zusammen, sackt einfach ab. „Langsam“ neigt sich ein Baum Richtung Wasser und somit Richtung Boot. Wir schreien auf, Melvin reißt das Boot nach links, Pablo springt nach hinten – erfolgreich ausgewichen im letzten Moment. Der Baum war zwar nur 20 -30 cm dick im Durchmesser – hätte aber auch gereicht. Da hätte uns auch unser popeliges Dach nichts genützt. Da saß wohl eine fette Glücksfee bei uns im Bug! Der zweite Anlegeversuch gelingt, anerkennendes Schulterklopfen für Melvin. Schnell bilden wir eine Kette um das Boot zu entladen. Es ist zwar schon 17.00 Uhr, aber vielleicht können wir ja doch schon ein paar Leute heute behandeln. 5 Familien leben hier. Es gibt sogar eine Schule – aber leider hat der Lehrer sich noch nicht hier oben blicken lassen. Während Torsten mit Melvin, Paul und Juan Pablo weiter entladen, Zelte aufbauen und die das Abendessen kochen, richten wir die „Klinik“ unter Palmen ein. Josello übernimmt das „Vorzimmer“ mit Krankenblättern, Waage und Blutdruckmesser. Frido unterstützt ihn in der Apotheke. Die Medikamente sind in Kisten gestapelt, bzw. in wasserdichten Ortliebtaschen verstaut. Da kann man sich mitunter dumm und dämlich suchen, also lieber einen Teil der Medikamente ordentlich auf einem liegenden Baumstamm aufreihen. Carlos vom Hospital Rurre präpariert seine Kühlboxen mit den Impfstoffen. Sonia, die Zahnärztin, packt ihre Instrumente aus. Diesmal ist ihr Mann als Babysitter dabei. Gerade fährt er den Kleinen in der Schubkarre um die Hütten – das kennt er ja schon. Diesmal begleitet uns Mabel als Ärztin, ein temperamentvolles Energiebündel mit viel Dschungelklinikerfahrung. Ich bin schon längst wieder am Listen vorbereiten und werde als „Secretaria universal“ zwischen den Doc`s hin und her springen. Familienname 1, Familienname 2, Vorname, Alter, Geburtsdatum, Geburtsort, verheiratet?, Anzahl der Kinder (hier steht schon mal eine 13 und häufig einen 10), Wohnort, Diagnose. Nach wie vor haben nur wenige am Fluss einen Ausweis oder eine Geburtsurkunde. Was spielt das Geburtsdatum schon für eine Rolle im Leben am Fluss? Das Alter? Selbst bei den Familiennamen gibt’s immer wieder Kuddel-Muddel. Mit schnell und zackig ist hier nicht. Geduldig nachhaken und lieber nochmal die anderen Dorfbewohner zum Absichern fragen.

Das dauert. Als endlich die erste Familie (Eltern und 6 Kinder) erfasst, dämmert es auch schon. Schlagartig überfallen uns Moskitoschwärme. Beim Schreiben mit Stirnlampe muss man ständig mit den Händen vorm Gesicht rumwedeln. Zahnbehandlungen fallen sowieso flach. Abbruch, weder Patient noch Arzt können stillhalten und in Ruhe zuhören. Morgen früh geht’s weiter. Die Jungs haben derweil einen leckeren Eintopf gekocht. Langsam werden es weniger Moskitos und wir schwatzen noch eine ganze Weile gemütlich unterm Sternenzelt, ehe wir in die Zelte kriechen.

Die Sonne scheint. Eine frische Brise vertreibt einen Teil der Sandfliegen. Waschen am Fluss, ein „Schälchen Heeßen“, Aras in den Bäumen – herrlich!!! Kurze Zeit später toben die Kinder mit den geschenkten Luftballons zwischen uns herum. Vorher hat Sonia mit allen im Dorf die Zähne geputzt. Wir haben Zahnbürsten und Zahnkreme verteilt – gesammelt und gespendet von Kindern aus Deutschland und Freunden. Es gibt drei wenige Wochen alte Babys - zwar immer noch ohne Namen aber ab heute immerhin mit einem ersten Dokument – dem Impfpass. Bei zwei jungen Mädchen entdecken wir Ulzera – Verdacht auf Leishmaniose. Wir reden mit Engelszungen auf die Eltern ein. Die Mädels müssen nach Rurre. In unsere Klinik bekommen sie die Tests kostenlos. Bestätigt sich der Verdacht, gibt es auch die Möglichkeit einer kostenlosen Behandlung – wenn die Medikamente mal vorrätig sind. Aber die Behandlung dauert 21 Tage … Wo und wovon soll man leben dort in der Stadt? Wird nicht behandelt, schließt sich irgendwann die Wunde am Bein. Aber die Krankheit wandert weiter Richtung Gesicht. Man nennt sie auch „weiße Lepra“. Es ist keine Lepra, aber das, was sie im Gesicht anrichten wird, sieht genauso aus. Mittags brechen wir auf. Der Quiquibey ist gesunken, kein Treibholz. Wir kommen schnell voran. Nächster Halt Aquas Claras – drei Familien mit viiiiiielen Kindern. Diesmal brauchen wir nur die notwendigen Dinge für die Sprechstunde ausladen. Da wir viele Leute sind, ist die Schlepperei dank der vielen Hände schnell geschafft. Am späten Nachmittag erreichen wir San Luis Grande weiter oberhalb am Fluss. Der Empfang ist herzlich. Alle fassen mit an. Männer, Frauen, sogar die Kinder schleppen irgendwas zur Dorfschule. Jedes Jahr wird es dank eines guten Dorfchefs besser hier. Die Comunidad ist gut organisiert. Es gibt sogar eine Wasserleitung – also auch eine DUSCHE am Abend!!! 13 Familien leben hier. Zuviel, um heute noch zu behandeln. Aber gemeinsam mit dem Lehrer und den Müttern führen wir als die Sonne etwas tiefer steht noch die Zahnputzschule durch und verteilen die obligatorische “Wurmkur“. Beim Zusammenpacken kommt Luicia mit ihrem Jüngsten auf uns zu. Er hat einen dicken roten Abszess auf der Brust. Der Arme wird morgen eine schmerzvolle Tortur über sich ergehen lassen müssen. Davon ahnt er zum Glück nichts. Mabel gibt der Mutter Antibiotika, die sie ihm schon ab heute vorbereitend geben soll. Ein paar Minuten ist noch Zeit für ein Fußballspiel. Derweil wird schon fleißig fürs Abendessen geschnippelt. Es gibt keine Unterschiede. Jeder fasst mit an oder kümmert sich auch mal um den ungeliebten Abwasch. Nach dem Essen setzen sich die Dörfler zu uns vor die Schule. Singani mit Limonade macht die Runde. Das Highlight des vergangenen Jahres war der Jaguar, welcher hinter der schule (dreißig Meter von uns entfernt) erst ein Schwein gerissen hatte und dann mit der Machete erlegt wurde. Cello hatte nur noch eine Kugel. Die traf nur die Flanke, so dass er sich nur noch mit der Machete verteidigen konnte. Wie immer zieht der Jaguar den Kürzeren, wenn Mensch und Tier aufeinandertreffen. Ich kann die Leute verstehen und trotzdem

Der Morgen beginnt mit Tränen. Luicia hat Wilder das Medikament gegeben. Er ist gleich als erstes dran, dann gibt’s noch nicht so viele neugierige Schaulustige. Gemeinsam mit der Mutter müssen wir Wilder festhalten. Erfahrungsgemäß kann dies ein Fremder besser als die Mami – die ja selber fast mitweint. Vor allem muss er stillhalten beim Einstich des Skalpells. Er darf seine Hände nicht zur Abwehr in die Nähe der Wunde bringen können. Ich stell mich hinter ihn, übernehme die Hände und fixiere ihn an meinen Beinen. Mama hält ihm die Hand über die Augen und tröstet. Mabel desinfiziert und piekst in die eitrige Beule. Leider läuft es nicht von alleine raus. Mabel muss pressen. Der Geruch ist widerlich. Der Kleine schreit und windet sich. Uns läuft der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Aber alles muss raus, bis endlich Blut kommt – der rote Saft ist die Erlösung! Aufatmen, säubern, desinfizieren, verbinden und immer wieder trösten. Auch Mama bekommt einen Bonbon zur Belohnung. Bei der notwendigen Spritze zum Abschluss muss dann doch der Papa Wilder halten. Luicia kann’s nicht mehr mit ansehen.  Kurze Zeit später strahlt Wilder bereits wieder. Am Nachmittag tobt er kräftig mit übers Fußballfeld. Am letzten Tag der Reise bekommen wir in Credal eindrucksvoll demonstriert, was aus diesem noch relativ kleinen Abszess hätte werden können. Auch in San Luis Grande gibt es Leishmaniose Verdachtsfälle. Allerdings sitzt hier der Herd bereits in der Nase. Immerhin ist es hier sehr wahrscheinlich, dass sich die Familien wirklich mit ihren Kindern zur Behandlung auf den Weg machen. Das ganze Dorf ist um die Schule versammelt. Ich habe die Familienfotos vom letzten Jahr mitgebracht. Sie werden von einem zum anderen gereicht und bekichert. Zum Glück hat Paul mehrere hundert Luftballons im Gepäck. Sie sind der Renner. Wir haben Spaß mit den Leuten. Mit meiner gespielten „Luftballon-Schwangerschaft“ breche ich sogar das Eis bei den ganz schüchternen Frauen. Es sind diese Kleinigkeiten, die die Hemmschwelle abbauen. Keiner der Ärzte trägt einen weißen Kittel. Handschuhe werden nur im äußersten Notfall benutzt. Ohne ihren Mundschutz würde Sonia allerdings den Mundgeruch nicht aushalten. Am Nachmittag holt Dorfchef Trinitayo noch weitere Patienten aus dem obersten Dorf – Bolson. Es sollen zurzeit gerademal zwei Familien dort leben, deshalb ist es weniger Aufwand, sie in einem Boot auf unsere Kosten zu holen. Nach Behandlungsschluß räumen wir gemeinsam mit den von uns ausgebildeten „Promotores de salud“  den Medizinschrank im Gesundheitsposten auf und füllen Medikamente nach und fragen nochmal deren Anwendung ab.  Die Abendsonne taucht das Dorf in ein weiches warmes Licht. Ein paar Aras fliegen krakeelend über unser Köpfe hinweg. Die Männers sind angeln – leider erfolglos. Jagdglück haben nur die Mariquis und die Moskitos. Am Abend sitzen wir unter einem grandiosen Sternenhimmel als ein großer runder gelber Mond zwischen den Wipfeln der Urwaldriesen aufgeht.

Am Morgen stehen wir dagegen knöcheltief im Schlamm. Seit drei Uhr nachts ist wieder Regenzeit. Wir stapfen durch den Matsch. Das Flussufer ist die reinste Schmierseife. Wir legen tolle Stunts hin. Aber wenigstens ist der Quiquibey nicht wieder gestiegen und auch weniger schlammig. Heute heißt es vor allem Schleppen. Vom Flussufer nach San Luis Grande sind es gut und gerne 30 Minuten Fußmarsch, Flussquerungen inklusive. Aber es warten über 50 Leute auf uns, also los geht’s! Seit der Jahrtausendflut 2014 liegt auch Bisal, unsere nächste Station, nicht mehr am Fluss. Ein Stock im Sand markiert die Stelle, wo der Pfad beginnt. Melvin unkt schon rum, dass wir die beiden Flüsschen nicht queren können. Leider hat er recht – schon gar nicht mit unseren Taschen und Kisten. Wir müssten schwimmen. Aber wir wissen, dass die Leute uns erwarten und dass sie ihre wesentlich kleineren Boote vor dem Fluss über die kleinen Zuflüsse in Sicherheit gebracht haben. Also beginnen wir einfach zu johlen und zu grölen …..und bekommen bald Antwort. Kurz darauf knattert ein Peque-Peque durchs Dickicht. Wir johlen trotzdem weiter, erst zur Sicherheit und schließlich vor Freude, als der kleine Einbaum auftaucht. Wir klettern alle hintereinander hinein. Eine verdammt wacklige Angelegenheit mit 5 cm Freibord! Unsere Ausrüstung bringen sie im Anschluss direkt zum Dorf. Es dauert keine 5 Minuten und wir stehen vorm nächsten Wasserloch. Die Bretter der Behelfsbrücke treiben im trüben Wasser. Wir stochern ein wenig herum, suchen nach einer nicht zu tiefen Stelle, die man mit den Brettern so überbrücken kann, dass nur die Gummistiefel volllaufen. Es wird eine wacklige Konstruktion. Paul ist als Vierter dran und nimmt ein Vollbad unter großem Applaus. Wir anderen haben Glück und lediglich nasse Füße. Während wir behandeln und Zähne putzen helfen die Männer Melvin eine Art Kanal frei zu schlagen, damit er auch mit unserem Boot bis zur Anlegestelle kommen kann. So schaffen wir es noch rechtzeitig nach Corte. Es sieht wie immer traurig aus hier. Es ist, als ob es eher von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Doch es gibt einen Lichtblick. Corte hat seit Februar ein Lehrerin. Die junge Frau ist mit ihrer Tochter gekommen und bewohnt den hinteren Teil der Schulhütte, abgetrennt durch eine Bastmatte. Für sie ist es wahrscheinlich verdammt hart. Aber eine motivierte Lehrerin kann so viel verändern. Mal sehen, ob sie durchhält. Viele verschwinden nach ein paar Wochen einfach wieder. Schon jetzt ist das Erscheinungsbild der Kinder im Schulalter ein ganz anderes. Sie haben zwar keine Schuluniformen an, aber saubere weiße oder helle Shirts, eben saubere Sachen. Sie erzählt begeistert, dass die Kinder wirklich lernen wollen. Am Montag hat das Dorf außerdem einen neuen Mitbewohner bekommen. Ein winziges Bündel Mensch liegt in den Armen seiner Mutter – gesund! Mit der Nacht kommt der Regen zurück diesmal mit Blitz und Donner. Für Tieflandverhältnisse wird es richtig kalt. Ein „Sur“, der eiskalte Wind aus dem Süden, ist im Anmarsch. Hoffentlich ist das Baby warm verpackt unter dem zugigen Moskitonetz. Melvin wird zur Sicherheit im Boot schlafen, da der Quiquibey bereits jetzt rapide steigt. Das Rauschen der Strömung wird deutlicher. Am Morgen haben wir 1,5 m mehr Wasser im Fluss und dazu jede Menge Holz. Immerhin scheint die Sonne. Unser letztes Dorf Credal wartet auf uns. Wegen des hohen Wasserstandes können wir sogar bis zu den Hütten fahren – hat also auch seine guten Seiten der gestiegene Pegel! Es sind nur 3 Familien da. Eigentlich sehen alle ganz gut aus. Überhaupt war der allgemeine Gesundheitszustand besser als in den vergangenen Jahren. Was hauptsächlich der bisher milden Regenzeit geschuldet ist. Haut- und Lungenerkrankungen nehmen sonst schlagartig zu in der Regenzeit. Fast alle Kinder fiebern dann.  Nur die Blähbäuche wegen der Parasiten fallen deutlicher auf in diesem Jahr. Unser erster Patient Riva, 17 Jahre alt, sieht auch bestens aus – bis er sein T-Shirt hebt. Über seiner linken Hüfte leuchtet rot ein riesiger Abszess. Das ganze Gewebe rundherum ist rot und heiß. Er hat dieses Ding seit 14 Tagen, kann nachts nicht schlafen vor Schmerzen. Warum sie nicht die 2,5 Stunden nach Rurre in die Klinik gefahren sind? Sie haben angeblich kein Benzin. Mabel bespricht sich mit Carlos. Der Abszess muss schleunigst gespalten werden. Riva soll sich auf eine Bank legen. Das Betäubungspflaster wird kaum helfen. Seine Mutter steht über ihm und hält Kopf und Hand. Alle wissen, dass es sehr, sehr schmerzhaft wird. Nach dem ersten kleinen Stich hält Riva noch ruhig, aber der Schnitt ist zu klein. Also nochmal. Dann beginnt das Pressen. Grünlich gelbe Flüssigkeit strömt aus der Öffnung – leider nicht von allein. Riva weint inzwischen hemmungslos. Ich muss mich auf seine Oberschenkel stützen, damit er stillhält. Ca. einen halben Liter Eiter presst Mabel aus dem Geschwür. Frido und Paul lenken derweil heldenhaft die Kinder mit Luftballons ab. Sonst haben nachher alle Angst vorm Arztbesuch. Es hört einfach nicht auf! Erleichterung, als endlich das erste Blut kommt. Aber es ist noch nicht alles raus. Mabel spritzt 2 Kanülen Jodmischung in den deutlich abgeschwollenen Abszess. Die Flüssigkeit spült nochmals Eiter aus dem Entzündungsherd. Aber sicherheitshalber legt Carlos noch eine improvisierte Drainage aus einem Stück Latexhandschuh, bevor sie den Einschnitt verbinden. Die soll seine Mutter morgen entfernen beim Verbandswechsel. Riva kann sich immer noch nicht beruhigen. Er bekommt Schmerzmittel und Antibiotika und eine Spritze. Dann hat er es endlich überstanden. Mabel und Carlos meinen, dass es knapp war. Aber sie sagen auch, dass er bald Erleichterung verspüren wird. Der Druck ist weg und die schmerzen werden abnehmen. Ich wünsch es ihm vom Herzen. Die Ursache bleibt unklar. Es war deutlich eine Art Einstich zu sehen. Aber ob der nun von einem Insekt oder Stachel oder sonst was stammt? Vielleicht hatte er auch einen Boro(Larve) der abgestorben ist und vom Körper so abgestoßen wurde. Riva konnte sich an keinen Stich erinnern und wankt immer noch weinend zu seiner Hütte, während wir weiter behandeln und „Zähne putzen“.

15.00 Uhr sitzen wir abfahrbereit im Boot. Der Qiuquibey ist wieder merklich gesunken – noch 2,5 Stunden bis Rurre. Kurz vor der Mündung des Quiquibey in den Beni kommt uns ein anderes Boot entgegen. Die energische aber eindeutige Geste des Steuermanns kündigt Unheil an. Der Beni steigt und das schnell. Melvin drückt auf die Tube. An einigen Stellen ist der Fluss schon über die Ufer getreten. Ständig müssen wir auf Baumstämme, Äste oder schwimmende Pflanzenteile achten. Wir nähern uns der Bala-Enge. Monsterstrudel saugen uns förmlich an. An anderer Stelle schießt das Treibholz förmlich aus den Fluten, wenn die Strudel es wieder frei geben. Wir kommen sicher durch aber es ist gruselig und der richtige Moment die Gummistiefel auszuziehen.  Nach unserem geglückten Wendemanöver stehen wir nun lebendig aber etwas ratlos am Ufer zwischen Gänsen, Hühnern und Schweinen. Melvin will es mit dem leeren Boot und unserer Ausrüstung versuchen. Allein kann er es schaffen, davon ist zumindest er überzeugt. Wir anderen werden laufen. Es soll einen Pfad von hier bis zum Canyoneingang geben. Von dort führt dann ein deutlicher Pfad entlang der Wasserleitung nach Rurre. Zum Glück finden wir jemanden, der uns führt, alleine hätten wir den Weg immer wieder verloren. Er macht einen weiten Umbogen vom Wasser weg. Es geht einige Male steil bergauf und bergab. Durch den Regen sind viele Stellen die reinste Schmierseife. Immer wieder hört man in Spanisch oder deutsch das böse Wort mit Sch…. Aber wir haben unsere gute Laune wieder und jeder Stunt wird gefeiert. Allerdings müssen wir auch unser Maskottchen, Sonias Baby, heil nach Rurre bringen. Sonja geht schon bald die Puste aus. Ihr Mann übernimmt das Tragetuch. Aber er kann wegen seiner ausgekugelten und nie ausgeheilten Schulter seinen linken Arm nicht mehr nutzen. Einarmig kann man sich nur bedingt von Baum zu Baum hangeln am Steilhang. Außerdem rutscht ihm das Tragetuch immer wieder von der lädierten Schulter. Der Kleine droht rauszufallen. Ich übernehme, trage den kleinen aber lieber auf dem Arm. Notfalls hilft eh nur die „Backenbremse“ wenn’s zu rutschig wird. Nach ewig langen 1,5 Stunden erreichen wir den Suse-Canyon. Klar haben wir unterwegs immer wieder an Melvin gedacht. Ob er es geschafft hat? Wir starren auf das tosende Wasser. Aber wir haben keine Zeit. Es wird bald dunkel und der Wasserleitungsweg überbrückt Steilstücke mit schmalen, federnden Brücken in schwindelerregenden Höhen. Die heftigsten würden wir gerne vor dem Dunkelwerden hinter uns bringen. …damit man den Abgrund noch genießen kann ;o))))

Nach den ersten Metern steht plötzlich ein strahlender Melvin in Schlappen vor uns. Er sagt der Suse war viel schlimmer als der erste Canyon, aber mit dem leeren Boot war es zu schaffen. Er hat sich Sorgen gemacht und wollte statt zu warten lieber handeln. Am Ende brauchen wir doch noch die Taschenlampen. Völlig durchgeschwitzt, verdreckt aber glücklich und immer noch lachend kommen wir im Stockdunkeln an der Beni-Klinik an. Das wird ein Abschlussbild!!! Buen equipo!!! Und das kalte Bier im Anschluss haben wir uns redlich verdient!!!